Freitag, 30. September 2011

8 Rules for Writing by Writers - Teil 2

Ein neuer Beitrag für die „8 Tipps von Autoren an Autoren“ ist eingetroffen. Diesmal kommt er von Birgit Böckli, Verfasserin der hintergründigen Shortstory Anthologie "Und dennoch ist es Leben ...", des Horrorromans "Sonnenthal" und des Krimis "Friesensturm"



                           Birgit Böcklis neuestes Buch "Sonnenthal"

Hier ist Birgits Beitrag, ungeschnitten und im O-Ton:  

Mein Name ist Birgit Böckli, ich bin 38 Jahre alt und lebe in Baden Württemberg. Auch ich wurde von David Grey gebeten, ein paar Regeln rund um das Thema Schreiben zu verfassen, und ich mußte eine ganze Weile darüber nachdenken. Geschichten erfinde ich schon, solange ich denken kann, aber ich habe erst sehr spät angefangen, mich für Regeln zu interessieren, und ein Großteil meiner Texte entsteht nach wie vor aus dem Bauch heraus. Ich habe also versucht hier zusammenzufassen, was mir persönlich wichtig ist:

1.
Übertreibe es nicht mit den äußeren Beschreibungen deiner Figuren. Du bist nur der Regisseur; der Film, der dabei in den Köpfen entsteht, gehört allein deinen Lesern.

2.
Sei vorsichtig mit Hintergrundinformationen. Streue wichtige Details so unauffällig in die Geschichte ein, daß der Leser sie bewußt nicht wiederfindet, sollte er danach suchen. Die wichtigsten Sätze sind diejenigen, die nicht auf dem Papier stehen und dennoch ankommen.

3.
Achte auf deinen Rhythmus. Mit dem passenden Erzählton steht und fällt die Glaubwürdigkeit deiner Geschichte.

4.
Achte bei all deinen Zutaten auf Ausgewogenheit. Das richtige Adjektiv kann dem Text zu mehr Tiefe verhelfen, ein Zuviel davon verwässert ihn leicht. Auch das ein oder andere Klischee ist erlaubt und kann helfen, deine eigenen Wortschöpfungen und Sprachbilder erst so richtig zum Leuchten zu bringen.

5.
Hüte dich vor Zufällen. Laß Ereignisse und Handlungen aus einer Zwangsläufigkeit heraus geschehen, schaffe Kettenreaktionen, die den Leser überzeugen. Sonst wird er das Buch schnell mit einem Kopfschütteln zuschlagen.

6.
Viele Wege führen nach Rom. Es gibt nicht den richtigen oder falschen Weg, um ein Buch zu schreiben. Mir genügt oftmals ein Satz, eine Szene, aus der dann mehr entsteht. Andere legen sich gründliche Strukturen oder Figurenstudien an, bevor sie mit dem Schreiben beginnen. Es lohnt sich auf jeden Fall, beides auszuprobieren, den ordentlichen Weg und den chaotischen.

7.
Wachse über dich hinaus. Jeder hat selbst Charakterzüge an sich, die er gern auf seine Figuren überträgt. Das ist bis zu einem gewissen Grad in Ordnung, kann aber zum Problem werden, wenn beispielsweise der Autor ein zurückhaltender Mensch ist, dem Protagonisten etwas mehr Wagemut und Frechheit aber gut tun würden.

8.
Sei freundlich zu deinen Kritikern. Feedback ist etwas sehr Wichtiges für jeden Autoren, und auch wenn du den Beanstandungen nicht zustimmst, solltest du froh sein, daß es Menschen gibt, die sich Gedanken über deinen Text machen.

Dienstag, 27. September 2011

8 Rules for Writing by Writers - Teil 1

 

Wer etwas Wichtiges zu sagen hat, der macht keine langen Sätze, plakatierte vor einigen Jahren die „Blödzeitung“ überall im Lande als Teil einer Werbekampagne. 
Man kann über Europas größte Boulevardzeitung sagen, was man will (und: ich hätte durchaus nichts bis gar nichts Gutes über sie zu sagen) doch in diesem Falle lag man in der Werbeabteilung vom Springer-Verlag völlig richtig. Wer etwas Wichtiges zu sagen hat, der macht tatsächlich nicht viele Worte.

Daher habe ich einige Autoren mit folgender Bitte belästigt:

„Seit einiger Zeit bittet die britische Tageszeitung “The Guardian” in loser Abfolge bekannte Autoren darum „Zehn Regeln fürs Schreiben“ aufzustellen, die dann jeweils veröffentlicht werden.
Da ich zwar den „Guardian“ mit meinem Blog weder Konkurrenz machen könnte, noch das überhaupt wollte, aber die Idee dennoch großartig finde, hier meine Bitte an Dich:
Versuch doch einmal statt zehn Tipps / Regeln fürs Schreiben, acht Tipps / Regeln aus Deiner ganz persönlichen Erfahrung heraus zu formulieren, die ich dann in meinem Blog posten werde.“

Meine Bitte fiel keineswegs auf taube Ohren - wie ich hier schon einmal vorab verraten darf. Doch bevor man andere darum bittet aus dem "Nähkästchen" zu plaudern, sollte man schließlich selbst mit bestem Beispiel vorangehen. Daher hier zunäöchst einmal Herrn Grays "8 Rules for Writing by Writers":

Beschwer Dich nicht

Wenn Du schreiben willst und erwartest, dass man Dich eines Tages als Autoren betrachtet, beschwer Dich nicht darüber, dass Schreiben harte arbeit ist und zuweilen heftig frustrierend.

Bewahre Dir allzeit ein "Kaltes Herz"

Denn Du wirst es brauchen. Sei Dir bewusst: Du wirst Wochen, Tage, Monate, womöglich Jahre mit Deinen Figuren verbringen. Sie werden Dir dabei ans Herz wachsen. Aber dennoch wirst Du um der Spannung oder Logik Deines Plots willen, einige davon über die Klinge springen lassen müssen. 

Hör auf, wenn es am schönsten ist

Übertreib das Schreiben nicht. Beende Deine tägliche Schreibsession immer dann, wenn Du Dir sicher bist, Du weißt wo Du beim nächsten Mal anzuknüpfen hast – und mach Dir ein paar dementsprechende Notizen unter Deinen letzten Satz.

Schreiben macht dick

Schreiben ist nur ein Synonym für Geduld und Sesselpupserei- denn auf Deinem Hintern in Deinem Bürostuhl schreibst Du Dein Buch, nicht während eines Galadiners im Gespräch mit dem König von Schweden und Günther Grass. Rechne also damit, dass Du für jeden längeren Text, den Du schreibst ein paar Kilo zunehmen wirst. Die Rückenschmerzen und verkrampften Schultermuskeln sind die klassische deformation professionelle eines Schriftstellers, nicht etwa die Paparazzi unter Deinem Fenster.  

Kriminelle Energie

Jeder Autor klaut bei anderen Autoren. Zu schreiben bedeutet immer auf etwas, was andere vor Dir bereits geschrieben haben, zu reagieren. Doch vergiss nicht: Einfach nur bei anderen abzuschreiben wirft Dich für immer aus dem Rennen. Aber andere Gedanken und Ideen neu zu interpretieren ist der Weg.

Musen sind zickig – sei klüger

Musen sind zickige Frauenzimmer, also sei Dir stets klar darüber, dass es ihnen eine irre Freude macht, Dich immer dann mit großartigen Ideen zu überfallen, wenn Du gerade gar nicht damit rechnest und neue Einfälle eigentlich auch nicht brauchst, weil Dein Haus zum Beispiel gerade abbrennt oder Deine Frau Dir eine Szene macht. Daher: hab immer und überall Stift und Papier zur Hand, um die Ideen aufzuschreiben. Deine Ehe retten das kannst Du danach immer noch. Und für Dein brennendes Haus ist sowieso die Feuerwehr zuständig.

Schreib allein in einem Raum – ohne Internetverbindung

Falls Dir irgendwer erzählte, es sei schon okay auf Pornoseiten / denen Deines nächstgelegenen Porschehändlers / Gartencenters / oder Lieblingsrestaurants / zu surfen, obwohl Du Dich eigentlich an Deinen Schreibtisch gesetzt hattest, um an Deinem Roman weiterzuarbeiten – dann war das eine Lüge. Streich den Mann / die Frau / von Deiner Weihnachtskartenliste.

Hör auf Mark Twain

„Schreiben ist ganz leicht – man muss nur die falschen Worte weglassen.“ Das hat Mark Twain gesagt Und er hatte recht damit. Also sei Dir immer bewusst, dass Du kürzen und ändern und neu beginnen musst. Mach Dir nichts draus – die gute Nachricht ist: das ging auch anderen vor Dir schon so. Und wird wieder anderen nach Dir immer noch genauso gehen. Den ersten Entwurf schreibt man mit dem Herzen, den zweiten mit dem Verstand und beim dritten versucht man beides miteinander auf eine möglichst plausible Art und Weise in Einklang zu bringen. 







Donnerstag, 22. September 2011

Soundbites im Outerspace

Ich gehöre selbst zu der Handvoll Autoren, die von den derzeit aufgebrochenen Veränderungen in der Buch-/Verlagsbranche profitiert haben. Doch ist es ja so, dass sich mit Social-Media und Blogs der Arbeitsbereich von Autoren schon lange vor der Ebook Offensive entscheidend verändert hat.  In welcher Beziehung er sich verändert hat?
Wer seine eigentliche Aufgabe als Autor ernst nimmt, nämlich Unbekannten Geschichten zu erzählen, der weiß, dass er besser nicht so vermessen sein sollte, sich einzubilden, er könnte die „Realität“ in irgendeiner Weise selbst schreiben oder gar „erzeugen“, wie das ab und an von so genannten Experten für das Web 2.0  impliziert wird. Social-Media ist nicht akut oder nachhaltig genug um Realitäten zu erzeugen. Das Web erzeugt „Wellen“, „Räusche“ und Trends - wegen mir auch Skandale und Skandälchen. Vor allem aber ist es ein neutraler Resonanzboden für Ideen und persönliche Meinungen und Vorlieben. Darunter so manche, die einem vernünftigen Menschen durchaus das Gruseln lehren können. Das Web und Social-Media ist in allerletzter Konsequenz „zeitlos“, da es sich als Medium eben, bis auf wenige extreme Ausnahmen, neutral gegenüber denjenigen verhält, die in ihm agieren.  
Im Netz ist der einzige rote Fanden, den man als Autor für sich finden kann, der der eigenen ganz persönlichen Marke, eine Marke, die im Web 2.0 vor allem in Form von Soundbites an den Mann und die Frau gebracht wird. Etwas plakativer ausgedrückt: Bestimmt sich die Marke Autor XYZ im Netz durch den  Stil der Persönlichkeit des Autors und wird durch ihn viel stärker zu einem virtuellen Gesamtbild ausgeformt als das vor den Zeiten des Internets möglich war.
Jenes Gesamtbild der Marke „Autor XYZ“ besteht aus weit mehr  als nur dem Schreibstil oder dessen philosophischen / philologischen Ansichten. In Zeiten des Web 2.0 reichen gute Texte abzuliefern für einen Autoren längst nicht mehr aus, denn gut verfasste und  relevante Texte enthält das Netz schon in überwältigender Hülle und Fülle.  Wer heute jetzt und hier Erfolg als Autor haben will, der sieht sich zunehmend gezwungen weit mehr von sich preiszugeben als je zuvor. 
Denn um in Facebook, Xiing oder G+ sichtbar, das heißt   wahrnehmbar „vorhanden“ zu sein, sieht sich der Autor gezwungen Musikvideos, Grafiken, Slogans, Meinungen seiner Leser mit der Öffentlichkeit zu teilen, die insgesamt gesehen ein wesentlich komplexeres Bild seiner Persönlichkeit ergeben, als das bislang mit bloßen Presseerklärungen, Lesungsauftritten oder dem gelegentlichen Interview für Presse oder TV überhaupt möglich gewesen wäre. 


Der Autor, der in Zukunft bestehen will, wird nicht umhin kommen eine bestimmte „Marke Autor XYZ“ zu kreieren und diese Marke auf Gedeih und Verderb mit den in den Social-Media Webseiten anwesenden Usern zu teilen, das heißt diese „Marke Auto XYZ“ ihnen anzubieten. Aber er sieht sich eben genauso dazu gezwungen diese Marke in Echtzeit – das heißt laufend – weiter auszubauen und auszuschmücken, indem er Beiträge anderer User kommentiert, mit seinen ihm verbundenen Facebook oder G+ Freunden teilt, oder eben auch bestimmte von anderen Usern offerierte Inhalte  auch ab und an bewusst ignoriert. Die „Marke Autor XYZ“ will daher strategisch sehr gut durchdacht und vor allem auch langfristig angelegt sein, soll sie Erfolg zeitigen. Wer da jedem schnellen Trend gleich hinterherläuft, wird früher oder später „virtuell“ untergehen – das heißt konkret an Glaubwürdigkeit und daher „Sichtbarkeit“ unter den Usern und potenziellen Käufern seiner Produkte verlieren.
Auch eine weitere Fertigkeit verlangt die schöne neue Web 2.0 Medienwelt vom modernen Autoren: Er muss sich zwangsläufig in seinen Textformen auf die neuen Medien einstellen. Mit anderen Worten, wird er sich die literarische Gattung des Essays für seine Blogtexte genauso aneignen müssen, wie die des knappen aber provokanten „Soundbites“, mit dem er in  Chats und bei Kommentaren auf Online Publikationen punkten kann.  
Vor allem aber sollte keiner, der im heutigen Mediengeschäft sein Brot verdient, je außer acht lassen, dass in Web 2.0 und Social-Media Zeiten ein einziger dummer Ausrutscher nur noch Sekunden braucht um die Runde unter Kritikern, Beobachtern und Lesern zu machen. In Zeiten von Telefon und Postbriefen dauerte das Verbreiten eines Gerüchts, irgendeiner Anschuldigung oder negativen Bewertung wenigstens Minuten, wenn nicht Stunden. Heute ist es durch nur einen einzigen Mausklick bereits hunderten wenn nicht tausenden anderen Usern zugänglich. Usern, die diese Information ungefiltert an wieder andere User weitergeben oder gar mit eigenen Kommentaren versehen in eigenen Publikationsformen verwenden, wodurch selbst der dümmsten Behauptung ein gewisses Gewicht verliehen wird.  
Warum Herr Gray sich bemüßigt fühlte, diesen oben stehenden und für ihn ungewohnt trockenen und womöglich sogar etwas langweiligen Blogpost  zu verfassen, mag man sich unter der geneigten Leserschaft fragen.
Damit er ihn dem nächsten Deppen, der meint das Schriftstellerei im Internetzeitalter der reine Spaß sei, wenn schon nicht real, so dann immerhin virtuell in Form eines Links oder Zitats um die Ohren hauen kann.
Herr Gray dankt allen Lesern und Leserinnen für ihre Geduld und verspricht zugleich in seinem nächsten Blogpost etwas amüsanter drauf zu sein.

Dienstag, 20. September 2011

Die Substanz von Bestsellerlisten

Stellen Sie sich vor, Sie seien Geschäftsführer des Traktorenbauers XYZ. In diesem Falle stellt der Landmaschinenkonzern ABC einen Ihrer schärfsten Konkurrenten dar. 

Stellen Sie sich weiterhin vor, Ihr Marketingchef hätte eine Idee, wie er das Image Ihrer Firma noch ein wenig mehr verbessern könnte. Dies ist seine Idee: die Einführung einer deutschen Traktoren-Bestsellerliste.
Stellen Sie sich weiterhin vor, Sie seien an jenem Tag, in einer etwas abenteuerlustigen und risikobereiten Stimmung, und finden daher jene Idee grundsätzlich einmal großartig. 
Nur äußern Sie nach einem Moment der stillen Kontemplation auch einige Bedenken. 

Was nun, wenn sich nach Prüfung der deutschlandweiten Verkäufe Ihrer Traktoren herausstellt, dass ABC-Traktoren Ihre eigenen XYZ-Traktoren im Verkauf heillos überflügelt haben? 
Dann stünden Sie selbst und Ihre Marketingabteilung ganz schön blamiert da mit jener tollen Idee von der Traktoren Bestsellerliste, nicht wahr?
Doch Ihr Marketingchef, immerhin ein cleverer Mann, lächelt nur müde und versichert Ihnen glaubhaft, er hätte da so gewisse Tricks und Kniffe, die genau dieses Szenario ausschlössen. 
Neugierig geworden, schliessen Sie misstrauisch die Tür Ihres Büros und erkundigen sich nach näheren Einzelheiten.

Nun, meint Ihr Marketingchef, die Sache sei doch ganz simpel. 

Man wisse schliesslich, dass das Händlernetz des Konkurrenten ABC in Norddeutschland bedeutend dichter sei, als in  Ost- oder Süddeutschland. 

Daher werde man sich bei der Erstellung jener Traktoren-Bestsellerliste eben verstärkt auf Verkaufszahlen aus Süd- und Ostdeutschland stützen und jene aus dem Norden zaghafter bis gar nicht in die Statistiken einfließen lassen.  
Sie denken sich: Dies sei natürlich ein recht kluger Schachzug. Nur, fragen Sie sich auch: Kann dies eigentlich rechtens sein, denn letzten Endes sei diese Bestsellerliste dann ja nicht wirklich rundum aussagekräftig. 

Und so recht nützlich für Ihr eigenes Unternehmen XYZ-Traktoren könnte diese Liste ja auch nur dann sein, wenn sie als offizielle Bestsellerliste im Traktorenverkauf gelten könne. 

Einfach so irgendwelche statistischen Erhebungen anzustellen und anschließend zu veröffentlichen, das könne schließlich jeder, aber so recht aussagekräftig seien die dann ja nicht.

Ihr Marketingchef kann Ihre zaghaft geäußerten Bedenken jedoch mühelos zerstreuen. 

Er argumentiert: Jene Traktoren-Bestsellerliste könnte durchaus guten Gewissens als „offizielle“ Traktoren Bestsellerliste in den entsprechenden Fachpublikationen bezeichnet werden. Schließlich könnte ihr dieses Attribut die „offizielle“ Bestsellerliste darzustellen, als erste und einzige ihrer Art kein Mensch wirklich absprechen.

Wieder lassen Sie sich die Argumentation Ihrer Marketingchefs einige Augenblicke durch den Kopf gehen und beschließen dann, dem Mann Ihr Okay für seine Idee zu erteilen. 
Einige Wochen später erkennen Sie an dem Wirbel den jene 1. offizielle Traktoren-Bestsellerliste für Deutschland in der Fachpresse und in den Chefetagen der Konkurrenz ausgelöst hat, wie brillant die Idee Ihres Marketinggenies eigentlich wirklich gewesen war. 
Sie lassen dem Mann ein nagelneues Set Golfschläger zukommen und weisen ihm noch dazu eine hübsche Sonderprämie an. 

Und freuen sich insgeheim schon diebisch auf die säuerliche Mine des Geschäftsführers von ABC Traktoren, während der nächsten Jahrestagung des deutschen Traktorenherstellerverbandes.

Man fragt sich unter der geneigten Leserschaft des Herrn Gray womöglich, was die oben stehende Ausführung zu Traktoren und Bestsellerlisten auf Herrn Grays Blog zu suchen hat, da der ja eher gar nichts mit Traktoren am Hut hat, sondern Autor von Ebooks ist.

Die Auflösung jenes Rätsels ist simpel: Vor einigen Wochen veröffentlichte man bei Börsenblatt-Online eine 1. „offizielle“ Ebook Belletristikbestsellerliste für den deutschsprachigen Raum.

Das allein wäre Herrn Gray ja auch gar kein Blogpost wert gewesen. Nur scheint es so, dass man bei Erstellung jener Ebook Belletristik Bestsellerliste zumindest Amazon.de als derzeit marktbeherrschenden Anbieter gar nicht erst berücksichtigt hat. Denn hätte man dies getan, sähe jene Bestsellerliste etwas anders aus. 
Doch wie schon in einem vorangegangenen Blogpost vermerkt, ist eben das Medium nicht nur die Message, sondern dient zuweilen vordringlich als Werkzeug zur  Massage der öffentlichen Meinung. Ich denke im Fall jener seltsam „hinkenden“ 1. offiziellen deutschen Ebook Belletristik Bestsellerliste trifft dies zu.

Von daher bleibt auch hier wieder nur zu konstatieren, dass eben das einzig wahre wirkliche Leben, immer wieder durchaus Unterschiede zum schönen neuen „virtuellen“ aufweist. 

Eine andere große deutsche Fachzeitung hat diese simple Erkenntnis übrigens schon vor Jahren zum Inhalt eines ziemlich witzigen Werbespots gemacht.  



  Handelsblatt Werbespot "Spacepen"


Mittwoch, 24. August 2011

"ePubber"

Seit Amazon im April 2011 seine Kindle Offensive in Deutschland startete, und es dadurch auch unabhängigen Autoren wesentlich leichter machte ihre Werke als Ebooks auf Amazon zum Kauf anzubieten, wurden Indie Autoren und deren Arbeiten zu einem zunehmend beliebteren Thema in der Blogosphäre.
Dank eines Eintrags auf Evi T's  Indiebookblog wurde Herr Gray auf einen Blogpost von Maximilian Buckstern aufmerksam, im wahren Leben Verlagsangestellter und wie Herr Gray auch als Selbstveröffentlicher von Ebooks unterwegs.
Herr Buckstern stellte in diesem Blogpost einige Thesen zur Diskussion, die durchaus einen gewissen Widerhall unter Kollegen und Medienexperten fanden. Herr Buckstern war bei weitem nicht der erste und einzige, der solche Thesen verbreitete und wird sicherlich auch längst nicht der letzte sein, der sie vertritt.
Dennoch will ich mich hier vor allem auf Max Bucksterns Blogpost beziehen, da er griffig formuliert ist und womöglich sogar exemplarisch ist für die Auffassungen und  Verunsicherungen einiger Kollegen in Bezug auf den Ebook-Markt und die zukünftige Entwicklung in der Verlagswelt.
Max beginnt seinen Blogpost gleich mit einem kleinen „Paukenschlag“ indem er feststellt, dass sich seiner Auffassung nach unter den Selbstpublizierern jede Menge eher halb professionelle Hobbyschriftsteller tummeln, die er leicht abwertend ganz gern als „ePubber“ bezeichnet haben will.  
Gleich darauf behauptet er zudem, dass Selbstpublizierer im deutschen Ebook-Markt meist schon aufgrund ihrer schlechten Covergestaltung herausstechen und so überdeutlich zwischen den Titeln der großen Verlage auszumachen seien.
Ich sage: Da ist zuweilen durchaus etwas dran.
Auch ich kann in vielen Fällen nicht nachvollziehen, weshalb manch ein Kollege, der womöglich Monate oder gar Jahre an einem Text gearbeitet hat, der Meinung zu sein scheint ausgerechnet am Buchcover sparen zu müssen, das doch noch vor dem eigentlichen Text, das erste Element seines Ebooks darstellt, mit dem der potenzielle Leser konfrontiert wird.
Es gibt aber genügend Fotografen, Kunststudenten und sogar professionelle Designer, die sich bestimmt nicht über einen Auftrag zur Covergestaltung eines Ebooks ärgern würden. Ich selbst habe mir für meine eigenen Ebook-Cover auch professionellen Beistand geholt und könnte nicht sagen, dass ich diese Entscheidung zu bereuen gehabt hätte. Im Gegenteil.
Kann ich aber in irgendeiner Weise etwas daran finden, dass sich unter den Selbstpublizierern auf Amazon und anderswo vermeintlich eine ganze Menge Semi- Profis befinden?
Ganz bestimmt nicht.
Woher auch?
Max ist eigener Aussage zufolge immerhin selbst ein solcher, da er sich ja ganz offen dazu bekennt, dass er sich als hauptberuflicher Verlagsangestellter zu “Testzwecken“ auch mit eigenen Titeln in der schönen neuen Ebook-Welt tummele. Und auch Paul Auster, Ernest Hemingway und sogar Dan Brown, John Grisham und J. K. Rowling hatten ganz gewöhnliche Jobs, bevor sie das Schreiben zu einer Vollzeitbeschäftigung machten. Waren sie bis zu dem Tag, als sie im Print erschienen daher nur Semi-Profis, Hobby Schreiber gar? Vielleicht. Aber: wen sollte das davon abhalten ihre Bücher zu lesen?  
Doch so richtig in die Vollen geht Max, indem er behauptet, dass es an der Zeit sei die Euphorie im Zusammenhang mit dem Selbstpublizieren auf Amazon und ähnlichen Plattformen zu relativieren, da der Digitalbuchmarkt in Deutschland noch viel zu klein sei, um offenbar mehr als nur einige wenige Cents mit seinem Ebook zu machen. Max geht sogar soweit zu behaupten, dass nur „ein paar“ verkaufte Exemplare bei Amazon ausreichten, um es zu einem guten „Sales Ranking“ zu bringen. 
Leider kann ich von hier aus nicht exakt genug bestimmen, was genau Max unter „ein paar verkauften Exemplaren“ versteht. In den umsatzstärksten Belletristikgenres Krimi und Historischer Roman, aber auch im Erotikgenre, genügen  nur "ein paar"  verkaufte Ebook-Exemplare jedenfalls nicht um es  zu einem beachtlichen Listenplatz innerhalb von Amazons Rankinglisten zu bringen.
Max hätte diese Tatsache exakter recherchieren können. Allein schon eine Mail mit einer dementsprechenden Anfrage an irgendeinen der verschiedenen Indie-Autoren, die sich einen Platz in den Top Twenty bei Amazon erobert haben, hätte ihn vor diesem Irrtum bewahren können.
Wenn Max dann weiterhin behauptet, dass solche vermeintlich geringen Verkaufszahlen, nicht dazu angetan sein können, den Geldbeutel des jeweiligen Selbstpublizierers zu füllen, entspricht auch das nicht ganz den Tatsachen. Was schon ein Blick auf die Bedingungen von Amazons 70% Sales Programm beweist, welches es dem selbstpublizierenden Autor nämlich erlaubt, auch bei relativ niedrigen Ebookpreisen, angemessene Überschüsse einzufahren.
Auch diese Tatsache hätte Max sicher ebenso mühelos zu recherchieren vermocht, wie die wahre Zahl der zu verkaufenden Exemplare, die notwendig sind, um es zu einem beachtlichen Listenplatz auf Amazons Ebook-Rangliste zu bringen.
Aber selbst diese beiden Thesen kann Max im weiteren Verlauf seines Blogposts recht locker übertrumpfen.
Er behauptet nämlich, und ich zitiere: „… Freizeit-Schriftsteller, die jetzt ausschließlich auf ePubbing (und einen Händler wie Amazon) setzten, machen aus meiner Sicht große Gedankenfehler. Wer gute Inhalte produziert, sollte alle Veröffentlichungswege in Betracht ziehen und versuchen zu nutzen. Das überfordert ePubber ganz erheblich! Auch die Qualität bleibt auf der Strecke. Ärgerlich wäre es zudem wenn ePubber (vielleicht aus Enttäuschung über Ablehnungen) jetzt Front gegen die Verlage machen. So werden Chancen verschenkt die Leser zu erreichen.“
Dazu ist zu sagen: Als ich das letzte Mal meinen Literaturagenten zu sprechen versuchte, liess der sich nicht etwa verleugnen, sondern nahm auch tatsächlich den Hörer ab, um sich mit mir - dem Selbstpublizierer - auf einen Schwatz über den Verkauf von Print-Rechten bestimmter Texte aus meiner Feder einzulassen. Und ich kann hier auch beim besten Willen nicht behaupten, dass ich mich als durchschnittlich gebildeter Mitteleuropäer in irgendeiner Weise davon überfordert gefühlt hätte, jenes Telefonat in Angriff genommen und dann auch zielstrebig zu Ende geführt zu haben.
Mein Buch „Wolfswechsel“ ist sowohl auf Amazon als auch Beam zu haben, und wäre zudem auch im iTunes Store verfügbar, könnte Smashwords mir garantieren, dass es dort zum gleichen Preis gelistet wird, wie bei Amazon.
Überfordert von der vermeintlich so unübersichtlichen Welt der verschiedenen Veröffentlichungswege?
Bislang eher nicht. 
Zumal man nicht vergessen darf, dass Amazon allein um die 60 Prozent des Ebook-Marktes in Deutschland abdeckt und daher durchaus der Vertriebspartner ist, auf den man zu setzen hat, will man es im Geschäft mit Ebooks derzeit zu etwas bringen.
Um seinen Blogpost, den er ja mit einen gelinden „Knalleffekt“ begann auch mit einem solchen ausklingen zu lassen, behauptet Max zum Ende noch, und ich zitiere erneut: „Autoren, die bereits gute Inhalte produziert haben, sollten unbedingt alle Veröffentlichungswege in Betracht ziehen und nutzen. Falls der "eigene" Verlag bei eBook-Veröffentlichungen nicht mitzieht oder wenn die Honorare nicht stimmen, empfehle ich einen Verlagswechsel. Besser ein anderer Verlag als kein Verlag!.“
Diese Empfehlung in allen Ehren, doch kann zumindest Herr Gray eben noch einen weiteren Weg für alle Kollegen empfehlen, die sich womöglich enttäuscht über ihren Verlag zeigen mögen: Selbstpublizieren als Indie Ebook-Autor.
Auch da gibt es, wie allgemein im Verlagsgeschäft, keine Erfolgsgarantien. Aber, wie die Erfolge von Andreas Stetter, Emily Bold, Rainer Innreiter und einem halben Dutzend weiterer Kollegen beweisen, ist es als Selbstpublizierer auch nicht absolut unmöglich sich durchzusetzen und dabei zu einigen wohl verdienten Euros zu kommen.
Zumal ich hier ein weiteres Argument zu bedenken geben will. Es stammt von dem Medienprofi Holger Ehling und ich zitiere auch hier wieder wörtlich: „Es wird für Selbstverleger weiterhin schwierig bleiben ihre Bücher im stationären Buchhandel anbieten zu können. Diesen Nachteil kann allerdings das Netz mit seinen Verkaufsplattformen mittelfristig durchaus wettmachen. Und: Im Netz konkurriert Tante Berta mit ihrem Ratgeber "Richtig stricken" hierarchisch ebenbürtig mit dem Ratgeber zum gleichen Thema aus Verlag xyz. Falls der Verlag seine Qualitätssicherungsfunktion nicht eindeutig unter Beweis stellen kann, gibt es für den Kunden keinen Grund, nicht zum Ratgeber von Tante Berta zu greifen.
Ein letztes Argument: Ich räume gerne ein, dass derzeit die Verkaufszahlen für deutschsprachige Ebooks keinen Anlass dazu geben die Verlage zum Auslaufmodell zu erklären. Aber für Autoren wie mich, die vom Schreiben leben, ordentliches Handwerk liefern und von den Verlagen dafür immer unordentlicher honoriert werden, möchte das Liebäugeln mit dem Selbermachen doch gestattet sein.“
Holgers Ausführungen sprechen, denke ich, für sich.
Nur eines möchte ich hier noch kurz erwähnt wissen:
Maximilian Buckstern hat in seiner Eigenschaft als Selbstpublizierer bei epubli – einer BoD Tochter der Holtzbrinck Gruppe – ein Buch mit dem Titel „Bücher gratis für iPhone, Kindle und Co“ veröffentlicht.
Laut der kurzen Inhaltsangabe zu diesem Titel, die man dazu mühelos im Internet findet, nennt sich das letzte Kapitel darin: „eBooks selbst ohne Verlag veröffentlichen
Ob Max darin wohl seine Erfahrungen als „ePubber“ verwertet hat?
Wer weiß, liebe Leser.

Montag, 25. Juli 2011

Der „Experte“ - Elmar Theveßen und Anders Breivik

Als nach den Anschlägen in Norwegen in den Online Ausgaben der internationalen Zeitungen längst die Rede von einem offenbar christlich-fundamentalistischen oder rechtsradikalen Einzeltäter  gewesen war, beharrte der ZDF "Terrorexperte" Elmar Theveßen im ZDF Heute Journal immer noch auf seiner ersten Vermutung, dass es sich bei dem Bombenanschlag in Oslo und der Schiesserei in Utoya um das Werk al-Qaidas handeln müsse. 




Und heute – zwei Tage darauf - tauchen auf allen möglichen Webseiten bereits die ersten abstrusen Verschwörungstheorien um den verblendeten Attentäter Anders Breivik auf. Die meisten davon beziehen sich nicht etwa auf dessen rechtsradikal fundamentalistischen Hintergrund, sondern darauf, dass er womöglich eine gewisse Zeit Mitglied einer Freimaurerloge gewesen war. 
Willkommen in der schönen neuen Welt, liebe Leser.
„The Media is the Massage“ – so viele Spinner haben im Nachgang von 9/11 ihre absurden Theorien über eine angeblich geheime Weltregierung aus entweder Freimaurern, vermeintlich jüdischem Großkapital oder gar unter Gesichtsmasken verborgenen Aliens verbreitet, dass es kaum noch verwundert, oder gar irgendwem eine Nachricht wert ist, dass solch haarsträubender Unsinn auf Youtube, einschlägigen Webseiten, oder schlecht zusammen gestückelten so genannten „politischen Aufklärungsdokumentationen“ fröhlich verbreitet wird.
Doch von Facebook und anderen Social Media Seiten verbannt man Künstler, weil sie auf ihren Mitglieder-Profilen etwas nackte Haut auf ihren Bildern zeigen und in Verbrauchermagazinen und TV Programmen gibt man sich jegliche Mühe Eltern darüber aufzuklären, wie die ihre pubertierenden Kinder vor Porno Webseiten schützen können. Porno - zweifellos gefährlicher für die geistige Entwicklung von Jugendlichen, als so genannte politische Aufklärungsdokus, wie etwa die voller unsäglicher Behauptungen und Verschwörungsthesen steckenden „Zeitgeist“- Filme, oder die Youtube Videos einer rechtsradikalen Aktivisten-Gruppe namens Infowars
Irgendwo hier, liebe Leser, steckt der Wurm drin. 
Und was den so genannten Terrorismus Experten Theveßen betrifft, der rechtfertigt seine eigene Borniertheit im Falle Anders Breivik mit ominösen norwegischen Sicherheitsquellen, die ihm angeblich – wenn auch offenbar als einzigem – noch am Freitagabend die Mär von dem islamistischen Hintergrund hinter der Bombe in Oslo und den Morden in Utoya gesteckt haben wollen.
Herrn Theveßens absoluter Hit besteht allerdings darin,  sich in seinem Rechtfertigungsartikel auf der ZDF Webseite darauf zu berufen, sein Sender hätte schon 2007 vor der Möglichkeit eines größeren christlich-fundamentalistisch oder rechtsradikal motivierten Terroranschlags gewarnt.
Das entspricht auch durchaus den Tatsachen. Nur war es eben nicht Herr Theveßen selbst, sondern wesentlich umsichtigere und wohl auch besser informierte Journalisten als er, die in ihren Beiträgen auf jene erschreckenden Möglichkeiten aufmerksam machten.
So sehr ich die Arbeit der ZDF Heute Redaktion schätze und bewundere, da ist etwas schief gelaufen. Und besser für alle unter uns, die Wert auf ausgewogene und objektive Nachrichtensendungen legen, wenn dieser unglückliche Vorfall  nur eine Ausnahme bleibt.

Sonntag, 24. Juli 2011

Der stille Gott der Wölfe


Der Norweger Anders Brehing Breivik hat – soweit das heute jetzt und hier zu sagen ist – in einer beispiellosen Terroraktion 77 Menschen getötet, darunter 70 Jugendliche. Seit dem Anschlag in Madrid vom 11.März 2004 und den Underground- und Busbomben in London vom 7.Juli 2005 dürfte Breiviks Tat den schwersten Terroranschlag in der neueren europäischen Geschichte darstellen. 



Foto von Anders Brehing Breivik, wie es unter anderem vom britischen Guardian veröffentlicht wurde

 
Ein einsamer Mann, bastelt sich eine massive Bombe zurecht, die er im Regierungsviertel von Oslo explodieren lässt, um anschließend mit automatischen Waffen und in der Verkleidung eines Polizisten in ein abgelegenes Jugendcamp auf die Insel Utøya zu fahren und dort in einer Art kalkuliertem Amoklauf offenbar wahllos um sich zu schießen.
Wäre es nicht die bestürzende Realität in diesen Tagen, man könnte es für den Plot irgendeines Thrillers halten, und wir Leser wären innerhalb der fiktiven Welt jenes Thrillers wohl auch gar nicht überrascht gewesen, stellte sich jener blonde Norweger zum Showdown hin, als islamistischer Terrorist oder gar von irgendeinem Geheimdienst gesteuerte Marionette heraus.
Beides scheint Anders Breivik jedoch - nach allem, was man heute über ihn sagen kann – eben nicht gewesen zu sein.
Im Gegenteil scheint es sich bei ihm, um einen Einzeltäter mit losen Verbindungen zu rechtsradikalen und christlich-fundamentalistischen Gruppierungen im Internet zu handeln. Anders Breiviks Anschlag scheint zudem gewisse Ähnlichkeiten zu einem weiteren Anschlag aufzuweisen: Dem des Oklahoma Bombers Timothy McVeigh nämlich, der 1995 einen verheerenden Bombenanschlag auf ein Bürogebäude der US Bundesbehörden verübte, bei dem 168 Menschen ums Leben kamen und 800 verletzt worden waren.
Erschüttert und hilflos steht die Welt heute – 16 Jahre nach McVeighs Terrorattacke - erneut vor einer Tat, die ebenso sinnlos und albtraumhaft erscheint, wie jene seinerzeit in Oklahoma.
Herr Gray ist kein Fan von haltlosen Spekulationen oder gar jenen abstrusen Verschwörungstheorien, wie sie im Nachgang von 9/11 zu tausenden im Internet boomten und bis heute nicht verstummen wollen. Und es mag heute, jetzt und hier, auch gar keine vermessene Prophezeiung sein, dass auch im Nachgang des Osloer Anschlags eine Unmenge ähnlich absurder und haltloser Verschwörungsthesen und Spekulationen auftauchen werden.
Ich will in diesem Blogpost keineswegs in irgendeiner Art und Weise zu solchen Thesen beitragen.
Ich will jedoch die Gelegenheit nutzen, auf einen anderen – nicht weniger erschreckenden - Anschlag hinzuweisen, der deutlich weniger lange zurückliegt, als der Timothy McVeighs. Denjenigen nämlich auf die demokratische Politikerin Gabrielle Giffords in Tucson vom 8. Januar diesen Jahres.
Wir erinnern uns: Ein Attentäter erscheint mit einer automatischen Waffe zu einer Veranstaltung der Kongressabgeordneten, streckt diese mit gezielten Schüssen aus nächster Nähe nieder und verletzt sie schwer. Obwohl Senatorin Giffords selbst gerettet werden kann, bleiben sechs weitere Opfer bei dem Anschlag zurück, für die jede Hilfe zu spät kommt.
Auch in diem Fall gelingt es – wie im Fall McVeigh und Anders Breivik – den Täter noch am Tatort festzunehmen und den zuständigen Behörden zu überstellen. Zyniker mögen behaupten, dass Al-Qaida Angehörige in der Mehrzahl wenigstens so viel Mut beweisen sich während ihrer Attentate mit ihren Bombern selbst in die Luft zu jagen, während rechtsradikalen oder christlich-fundamentalistischen Terroristen, dieser Mut offenbar fehlt. Doch dies nur nebenbei.

Worauf ich hier im Zusammenhang mit dem Anschlag auf Abgeordnete Giffords hinweisen will, ist der Umstand, dass Sarah Palin PR-Team ab März 2010 auf Mrs. Palins Website eine Karte der Vereinigten Staaten zeigte, auf der die Lage der Wahlbezirke derjenigen demokratischen Abgeordneten des Repräsentantenhauses der Vereinigten Staaten gekennzeichnet waren, die bei der heftig umkämpften Wahl zum Repräsentantenhaus der USA 2008  den Wahlbezirk einem Kongressabgeordneten der Republikanischen Partei abgenommen und nachher für die Gesundheitsreform von Barack Obama gestimmt hatten. 

Umstrittene Darstellung aus dem PR-Hauptquartier Sarah Palins / Quelle: Wikipedia

Diese Kennzeichnung erfolgte mit Symbolen, die den Fadenkreuzen in Visiereinrichtungen von Schusswaffen nachempfunden waren. Und jene Übersichtskarte wurde auch von TV Kanälen verbreitet, auf bestimmten Kirchenkanzeln und in bestimmten Radio Talk Shows besprochen.
Gabrielle Giffords hatte schon kurz nach Beginn dieser beispiellos geschmacklosen Kampagne ihre Bedenken über den Tenor dieser Kartendarstellung geäußert, in der auch ihr eigener Kongresswahlbezirk so gekennzeichnet war. 


 Gabrielle Giffords

„Wir sind in Sarah Palins Liste mit ‚Zielen‘, aber die Sache ist die, dass auf die Weise, wie sie es darstellte, wir uns im Fadenkreuz einer Gewehrvisiereinrichtung über unserem Distrikt befinden. Wenn die Leute das tun, dann müssen sie sich dessen bewusst sein, dass solche Aktionen Folgen haben können“, erklärte Giffords im März 2010, kurz nachdem ihr Wahlbezirksbüro angegriffen worden war.
Bislang ist nicht zweifelsfrei erwiesen, ob, oder inwieweit der Attentäter von Tucson von jenen Fadenkreuzdarstellungen für seine Tat beeinflusst war.
Doch ist das auch gar nicht der Punkt, auf den ich mit diesem Blogpost hinweisen will, hinweisen möchte ich auf das politische und mediale Klima, welches seinerzeit in den USA geherrscht haben muss.
Man muss sich doch fragen: Welches Maß an Gedankenlosigkeit, Zynismus, und Menschenverachtung gehörte dazu, dass irgendjemand – zumal ein PR-Profi –  auf die völlig übertriebene Idee verfallen konnte, ausgerechnet eine solche Form der Darstellung zu wählen.
Setzt eine solche Darstellung nicht voraus, dass man sich im PR-Hauptquartier Sarah Palins recht sicher sein durfte, dass sie nicht nur auf Zustimmung, sondern womöglich gar Beifall innerhalb der Wähler-Zielgruppe Mrs. Palins stoßen musste?
Und welche Rückschlüsse erlaubt diese Entscheidung auf die Art von Propaganda, die man da betrieb? Welche Rückschlüsse erlaubt diese Darstellung auf das mediale und politische Klima jener Tage?
Für mich jedenfalls weist dies auf ein Klima von Hysterie und Endzeitstimmung hin, das bei objektiver Betrachtung nicht nur völlig unangebracht in der politischen Auseinandersetzung zwischen demokratischen Parteien scheint, sondern auch dazu geeignet ist eine sowieso schon künstlich angeheizte Stimmung bewusst noch weiter anzuheizen, bis der damit erzeugte Druck sich in irgendeinem Wahnsinn, wie jenem von Tucson entladen musste.
„The Media is the Message“ – schrieb der Medientheoretiker Marshall McLuhan. Aber er schrieb eben auch „The Media is the Massage“.
Kein Mensch kann Herrn Gray weismachen, dass man sich dieser grundlegenden Formeln der PR im 21 Jahrhundert in Mrs. Palins Propaganda-Hauptquartier nicht bewusst gewesen war, als man die Entscheidung traf, jene mit Fadenkreuzen versehene Übersichtskarte zu veröffentlichen.
Stellt sich nun heraus, dass Anders Breivik für seine furchtbare Tat tatsächlich ganz oder nur teilweise von christlich-fundamentalistischen, islamophoben und rechtsradikalen Motiven getrieben war, dann sollten – und müssen wir alle uns davor hüten, auch hier im aufgeklärten und zivilisierten Westeuropa ein ähnliches mediales und geistiges Klima zuzulassen, wie es im Vorfeld des Tucson Attentats in den USA geherrscht hat.
Doch müssen wir eben auch endlich in einigen bislang womöglich vernachlässigten Ecken unseres Kontinents Staub zu wischen beginnen. In jenen Ecken und Nischen nämlich in denen immer noch allerlei wahnsinnige Neonazis, starrsinnige Verschwörungstheoretiker und ignorante christlich-fundamentalistische Heilsprediger ihr Unwesen treiben. 


Youtube Video über die EDL - English Defense League, einer radikalen rechtsgerichteten Anti Islam Gruppe zu der Anders Breivik Verbindungen gepflegt haben soll   

Auch die Europäische Union gründet sich, wie die USA, auf einen großen Traum. Jener europäische Traum mag unter allerlei Klischees und bürokratischen Vorurteilen teilweise begraben liegen. Dennoch ist er nach wie vor vorhanden und derzeit so aktuell und wichtig wie nie zuvor.
Es ist ein Traum von Frieden auf einem Kontinent, der im Verlauf seiner Geschichte so viele große und kleine Kriege sah, wie kein anderer auf dem Planeten.
Es ist der Traum vom ernsthaften Versuch eines friedlichen und sozial verantwortlichen Zusammenlebens ganz verschiedener Völker und Religionen.
Es ist auch ein Traum, der weder eine mediale Hysterie im Vorfeld des Tucson Attentats, noch irgendwelche unbegründete Islamophobie, und schon gar nicht irgendwelche politisch motivierte Gewalt oder haltlosen Verschwörungsthesen verträgt.