Samstag, 8. September 2012

Helden – in Sockenpuppen?




Da ist es, das Skandälchen, das passend zum auslaufenden Sommerloch seine Wellen durch die Blogs, Fachmagazine und Feuilletons zieht.
Einige prominente Autoren (darunter John Locke und Stephen Leather) haben freiwillig - andere eher unfreiwillig -zugeben müssen bei den Onlinerezensionen ihrer Titel geschummelt zu haben.

In bestimmten Fällen scheint es sogar so zu sein, dass sie sich Jubelrezensionen erkauft haben. In anderen nutzten die fraglichen Kollegen angeblich so genannte „Sockenpuppen“, also gefakte Netz-Identitäten, um ihre eigenen Titel auf den bekannten Verkaufsplattformen mit Jubelrezensionen zu beschenken. 

Was für ein böser Schlag ins Kontor.

Zweifellos war die Mehrheit der Leser bisher absolut überzeugt davon, dass sämtliche Buchrezensionen auf Amazon, iTunes oder anderswo im Netz ehrlich und aufrichtig die Meinung eines objektiven Rezensenten widerspiegeln. 
Nun – nachdem das sprichwörtliche Kind in den genauso sprichwörtlichen Brunnen fiel -  steht zu erwarten, dass sie sich in hellen Scharen enttäuscht und angeekelt von diesen Kollegen abwenden werden.  
 Und wie hoch der Schaden aus diesem Skandal für den gesamten E-Bookmarkt ist, sei - so hört und liest man allenthalben - noch gar nicht abzusehen.  Wieder einmal werden Petitionen herumgereicht und bastelt man an verschiedenen Orten sogar an einem Ethik Codex für Autoren. 

Lassen Sie mich mit Hilfe einer kurzen Geschichte (aus dem wahren Leben) begründen, weswegen ich persönlich gewisse Schwierigkeiten habe, eine dieser Petitionen zu unterzeichnen (Nicht, dass irgendwer sich wirklich darum scheren würde, ob Herr Gray nun seinen Namen unter eine davon setzt)

Stellen wir uns vor: 

Das luftig helle Büro eines Cheflektors in irgendeinem der großen Publikumsverlage. Gerade hat besagter Cheflektor, nennen wir ihn Herrn A, zu einem Spottpreis einen netten kleinen Roman eingekauft, vielleicht einen Thriller oder einen witzigen Liebesroman, wie er in letzter Zeit ja wieder in Mode gekommen zu sein scheint.  

Das Skript hat alles, worauf Herr A nur hoffen durfte, es ist spannend, dabei dennoch nicht ganz niveaulos, und es wird sich wahrscheinlich verkaufen wie Butter auf Brot.
Nur hat Herr A  auch Hürden zu überwinden, bevor er mit den Verkaufszahlen des Büchleins beim Management Eindruck schinden kann. 
Denn dummerweise stammt jenes Büchlein nicht aus der Feder eines der bekannten Bestsellerautoren, sondern von einem Neuling, dessen Namen bislang weder den Lesern noch den Feuilletonnisten irgendetwas sagt. 
Andererseits hat Herr A es – wie erwähnt – zu unschlagbar günstigen Konditionen eingekauft und kann daher mit einem sehr hübschen Gewinn rechnen, sollte es ihm irgendwie doch gelingen das Buch in die Bestsellerliste zu katapultieren.

 Was tun?

Herr A greift zum Telefon und tätigt einige Anrufe.

Wen er da anruft?
 Seine Bestsellerautoren.
Bevorzugt diejenigen, deren letzte oder vorletzte Titel im selben Genre erschienen, wie jenes kleine Büchlein des Neulings.  
 „Schreib mir doch einen Blurb. Es wird Dein Schaden bestimmt nicht sein“ bittet er seine Spitzenautoren. Und, da Herr A dies nicht zum ersten Mal tut, findet er sehr rasch eine seiner Edelfedern, die ihm nur allzu gern seinen Wunsch erfüllt.

Vielleicht ist es angebracht hier zu erläutern was ein Blurb eigentlich ist. Bei einem Blurb handelt es sich um einen kurzen, möglichst prägnanten und witzigen Slogan  mit dem gut sichtbar auf dem Cover eines Buches dessen Qualitäten angepriesen werden. Beispiele gefällig?
 Bitte sehr: „It is perhaps the best of the epic fantasies – readable and realistic“ die Bestsellerautorin Marion Zimmer Bradley über “A Game of Thrones“ von George R. R. Martin.
Ein anderes Beispiel?
 Bitte sehr: „Der moderne Graham Greene“ so Ulrich Wickert, Ex- Nachrichtensprecher und Krimiautor, über William Boyds Roman „Brazzaville Beach“
Ich nehme an das Prinzip ist grundlegend soweit verstanden worden?
Ja?

Dann zurück zu Cheflektor A und dessen Edelfeder, nennen wir sie Frau Y.

Frau Y, gestehen wir ihr soviel Respektabilität zu, dass sie das Buch des Neulings auch wirklich liest, entwirft einige Blurbs und sendet sie zu Herrn A. Der nichts Eiligeres zu tun hat, als diese aufs Cover seines neuesten Demnächst-Blockbusters drucken zu lassen.

Einmal soweit gekommen, lässt er sich in aufgeräumter Stimmung mit seinen fünf bis achtzehn Lieblings Feuilletonnisten verbinden, um denen das neue Buch ans Kritikerherz zu legen.
Wobei er natürlich nicht versäumt stolz darauf hinzuweisen, wie begeistert seine Spitzenautorin Frau Y von dem Werk des Neulings gewesen war.  

 Außerdem sei es doch sowieso mal wieder an der Zeit das Spesenkonto des Verlages für ein gemeinsames Essen zu plündern und die Einladung zur Verlagsfete in Gran Canaria, die steht selbstverständlich auch - vier Tage im Fünf Sterne Hotel bei voller Verpflegung und ungehinderter Zugang zu allen dort anwesenden Autoren, extra eingeflogenen Promis und Verlagsmitarbeitern. 

Vorstellbar, dass zwei bis drei der fünf bis achtzehn Lieblingsfeuilletonnisten  Herrn A’s, zum fraglichen Zeitpunkt gerade anderswo in der Welt unterwegs sind und daher dankend ablehnen müssen.

Alle übrigen nehmen Herrn A’s großzügiges Angebot allerdings erfreut an und wie durch Zauberhand (oder eben gerade NICHT wie durch Zauberhand) füllen sich pünktlich zum Marktstart des Romans unseres Neulings die Seiten der einschlägigen Feuilletons mit Kritiken und Besprechungen. 

 Nicht wenige davon erwähnen neben unserem Neuling auch Edelfeder Frau Y und zitieren deren begeisterten Blurb, was wiederum auch Frau Y’s letzten Titel erneut ins Gespräch bringt.

 Außer dem Verlag verdienen sich spätestens zur großen Fete auf Gran Canaria auch noch Lufthansa und Hotel eine silberne Nase.
Ende gut, alles gut.
 Wirklich?
Nein. 







Denn ich frage mich, ob man hier nicht ausnahmsweise eben doch Äpfel mit Birnen vergleichen darf.

 Unterscheidet sich die Wirkung eines Blurbs eines bekannten Kollegen auf einem Buchcover, oder – besser noch – zitiert in einer Kritik in irgendeiner Zeitung oder TV-Sendung, denn tatsächlich so sehr von der einer Eigenrezension  irgendeines Indie –Autoren?

 Zumal wenn man dazu in Betracht zieht, wie eng die Verlagswelt traditionell mit den Redaktionen der großen Zeitungen und TV Sender verknüpft ist und sich diese Verknüpfung in Zeiten von Internet und  Crosspromotion Jahr für Jahr nur noch enger gestalten zu scheint.

 Ich glaube, dass hier kein wirklich sauberer Strich zu ziehen ist. 

Im Grunde, sitzen wir Autoren in dieser Beziehung alle im selben Glashaus, und ob wir es uns offen eingestehen wollen oder nicht, am Ende des Tages sehen wir alle uns gezwungen so laut und raffiniert und lang anhaltend für unsere Titel die Trommel zu rühren, wie es uns nur irgend möglich ist.  

 Nein, ich bin nicht begeistert von den Neuigkeiten über Sockenpuppen und gekaufte Fakerezensionen.   

 Aber ich lebe auch nicht in einer idealen Märchenwelt. Und bisher neige ich daher eher nicht dazu irgendeine der Petitionen zu unterzeichnen, solange sich da nicht auch die Namen einiger Damen und Herrn vom beruflichen Profil eines Herrn A oder seiner Feuilletonistenfreunde finden lassen. 

 Ein gewisses Maß an Heuchelei ist sicherlich gesund für jeden, der seine Bücher nicht nur zur Befriedigung persönlicher Eitelkeiten auf den Markt wirft, sondern damit auch Geld verdienen will. 

 Schwierig wird es allerdings immer dann, wenn man sich vor die Entscheidung darüber gestellt sieht WIE hoch dieses Maß an Heuchelei wirklich sein darf, bevor es zwangsläufig die Grenze zur offenen Farce überschreitet.

Herr Gray bedankt sich für Ihre Aufmerksamkeit.


Das sind Pfandflaschen tatsächlich nicht, noch nicht mal für Autoren




Kommentare:

  1. Dass wir in einer schlechten Welt mit viel Betrug (oder Verhaltensweisen, die nah daran liegen) leben, ist wohl allen klar. In beiden Systemen dieser Branche (Self Publisher wie auch Verlagsmenschen) wird getrickst und geschoben, aber tatsächlich ist doch die Frage, wann sinkt es unter eine Grenze, wo es nicht mehr nur um Anstand und Ehrlichkeit geht. Bei der Krimi-Sache von Steinfeld ist sie unterschritten, weil ein wichtiges Gut unseres Systems - die Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit von Medien - schamlos mit Füßen getreten wird.
    Bei John Locke - der wohl Hunderte von Amazon-Rezensionen, die in den USA noch wichtiger sind als bei uns gekauft hat -, ist das ein übler Betrug, weil er sich in seinem eigenen E-Book über seine Erfolgsgeschichte massiv darauf bezieht, welch wichtiger Baustein diese Rezensionen sind und wie er damit umgeht usw.
    Ich betrachte die Diskussion darum mit einem gewissen Schaudern: Nicht, weil die Welt so schlecht ist, sondern weil viele das so relativierend als Kavaliersdelikt abtun. Man könnte jetzt den berühmten Sack-Reis-Vergleich bringen, aber für uns Autoren ist das durchaus von Bedeutung. Und ich möchte zumindest von Werten wie Anstand und Ehrlichkeit - auch wenn es sehr altmodisch ist - nicht ablassen.

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  2. Vielen Dank für die interessante Ein- und Ansicht.

    Hier - wie anderswo - im Leben mag jeder für sich selbst entscheiden, wie er zum Erfolg gelangen kann. Rezensionen sind und bleiben nichts anderes, als subjektive Einschätzungen zum Schaffen anderer. Darauf mag ich persönlich mich nicht verlassen. Egal, ob sie nun gekauft sind oder aus freien Stücken verfasst.

    Der Marketing-Maschinerie eines Verlages hat ein Selfpublisher ohnehin kaum etwas entgegen zu setzen. Da sind selbst gekaufte Meinungen nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

    Ich bin übrigens auch Autor, finde in Rezensionen und Meinungen oft wertvolle Hinweise, auf die ich nicht verzichten möchte. Rezensionen aber machen keinen schlechten Text gut und keinen guten Text schlecht. Zumindest nicht für den Menschen, der selbst liest und sich eine eigene Meinung bilden mag :-)

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  3. Gegen diese schamloseste :-) Selbstbeweihräucherung durch Manager und Autoren gibt es in Zeiten von E-Books eine FANTASTISCHE Waffe: Das Probekapitel.

    Habe mir vor meinem letzten Urlaub von fast allen top gelisteten und bewerteten Krimibestsellern bei Amazon.de ein Probekapitel geladen... klick klick klick... geht ganz schnell.

    Dann hatte ich 2 Stunden Flugzeit zum Testen, Kindle sei dank.

    Und gekauft habe ich: Null

    Am Ende habe ich dann doch ein Buch meines eigenen Verlags gelesen und noch ein paar Fehler gefunden, die dem letzten Lektor durchgerutscht waren - dank Kindle leicht zu markieren. Ich schreibe jetzt nicht, welches Buch es war, denn das wäre ja auch nur schamlos :-)

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  4. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  5. Ja - schamlos Jürgen, hier Werbung für Deinen Null Papier Verlag zu veranstalten. Ich meine wer liest heute schon noch Edgar Wallace, Arthur Conan Doyle oder gar Stevensons "Jekyll & Hyde"- die ja wohl alle bei Dir zu haben sind? Dein Geschäft muss schon furchtbar schlecht laufen, wenn Du zu derart verzweifelten Maßnahmen wie diesem Blogkommentar greifst um ein bisschen Promo dafür zu ergattern ;-)

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