Es geht weiter
voran mit Sherlock Holmes Teil Nummer Zwei, der Sherlock und Watson in einem
Fall sieht, der düsterer und komplexer gestaltet ist, als ihre Abenteuer im
Ersten Teil von „Sherlock Holmes – Eine Studie in Angst“
Zunächst einmal
bekommt Watson in Teil Zwei Grund an Mycroft Holmes Aufrichtigkeit zu zweifeln,
als ihm bewusst wird, dass Holmes Bruder offenbar um die wahre Identität Jack the Rippers weiß, der Horrorgestalt des Viktorianischen Zeitalters schlechthin.
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Doch auch wenn
der Ripper im Hintergrund der Geschichte stets präsent ist, macht Sherlock seinem
Freund Watson und dem Inspektor Lestrade
schnell klar, dass sie es bei ihrem neuesten Fall nicht mit dem Original Ripper
zu tun haben können, sondern womöglich gleich an eine Gang von Mördern geraten
sind.
Weitere prominente
Themen in dem neuen Roman sind Herzen, die in Teekesseln gekocht werden, in
Blut verfasste Gedichte an der Wand eines verlassenen Hauses und eine
mysteriöse junge Dame, die von ihrem Mörder offenbar mit seidenen Leichenhemden
bedacht wurde. Überhaupt spielen Friedhöfe eine große Rolle in dem Buch.
Das hat seinen
Grund in der viktorianischen Realität. Damals war man nämlich ganz allgemein,
„absolut fasziniert vom Tod und den Riten, die man um ihn herum gesponnen
hatte, während man zugleich entsetzt und besessen von der Vorstellung war,
möglicherweise lebendig begraben zu werden.“ Das meint zumindest die
Historikerin und Viktorianer Expertin Catherine Arnold in ihrem interessanten
Buch „Necropolis – London and ist Dead“. Auf dem Höhepunkt des viktorianischen
Zeitalters wurden sogar verschiedene
Mechaniken patentiert, die es einem aus Versehen lebendig begrabenem erlaubten
aus seinem Sarg heraus über Glockengeklingel oder – Hightech als Viktorianisch!
– eine Gaslampe Lebenszeichen von sich zu geben.
Überhaupt ist es
ganz interessant einmal einen etwas genaueren Blick auf die Vorlieben und
Ängste von Sherlocks realen Zeitgenossen zu werfen.
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Die Viktorianer waren fasziniert vom technischen Fortschritt, den ihr Zeitalter mit sich brachte. Kein Wunder also, dass ihre Bahnhöfe an Paläste erinnerten ... |
Wovon man –
abgesehen von Friedhöfen und Toten - im
London gegen Ende des 19. Jahrhunderts fasziniert war, waren in etwa in dieser
Reihenfolge: die Gefahren von vorehelichem Sex und Alkohol für junge Damen, die
USA, der Wilde Westen und mögliche anarchistische Terrorplots.
Auch wenn – dem
Krimigenre geschuldet – wirklich unschuldige (im sexuellen Sinne) junge Damen
eher in „short supply„ in Herrn Grays
Sherlock Nummer Zwei sind, spielen Leichen, Friedhöfe, Amerikaner, der Wilde
Westen, Alkohol und vorehelicher Sex durchaus größere Rollen darin.
Die Heilsarmee
zum Beispiel, wurde zu dem, was sie heute ist, vor allem durch ihre erbittert
geführten Kampagnen gegen den übermäßigen Alkverbrauch der Arbeiter und kleinen
Angestellten in den Industriemetropolen.
Das bevorzugte Gift der unteren Klassen war seinerzeit billiger Gin, der wesentlich rascher wirkte, als das übliche ziemlich dünn gebraute Bier. Der Ginverbrauch muss, vorsichtigen Schätzungen von Historikern zufolge, tatsächlich enorm gewesen sein: Etwa 130 Liter pro Kopf und Jahr für Frauen und fast das Doppelte für Männer. Um das ganz klarzustellen, wir reden hier von Gin, der locker um die 25 bis 32 Prozentanteile Alkohol hatte.
Der Stoff war so billig herzustellen und überall zu haben, er bot für Arbeiter, Tagelöhner und kleine Angestellte die günstigste und am weitesten verbreitetste Fluchtmöglichkeit aus ihrem tristen Alltag.
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Ein Poster der Heilsarmee vom Beginn des 20. Jahrhunderts, der Stil dieses Bilds unterscheidet sich kaum von dem seiner Vorgänger im späten 19. Jahrhundert |
Das bevorzugte Gift der unteren Klassen war seinerzeit billiger Gin, der wesentlich rascher wirkte, als das übliche ziemlich dünn gebraute Bier. Der Ginverbrauch muss, vorsichtigen Schätzungen von Historikern zufolge, tatsächlich enorm gewesen sein: Etwa 130 Liter pro Kopf und Jahr für Frauen und fast das Doppelte für Männer. Um das ganz klarzustellen, wir reden hier von Gin, der locker um die 25 bis 32 Prozentanteile Alkohol hatte.
Der Stoff war so billig herzustellen und überall zu haben, er bot für Arbeiter, Tagelöhner und kleine Angestellte die günstigste und am weitesten verbreitetste Fluchtmöglichkeit aus ihrem tristen Alltag.
Ein wenig an
allgemeiner Statistik gefällig?
Im Londoner Eastend, dem damals am dichtesten besiedelten Ort der Welt, lebten durchschnittlich drei Leute auf zwei Quadratmetern!
Im Londoner Eastend, dem damals am dichtesten besiedelten Ort der Welt, lebten durchschnittlich drei Leute auf zwei Quadratmetern!
Die Zustände in
den Slumvierteln Londons, Liverpools, Glasgows, Leeds, Yorks und Edinburghs an
einem Freitagabend auf dem Höhepunkt des viktorianischen Zeitalters glichen
offenbar dem, was wir heute zum Ausnahmezustand erklären würden.
Bis fast zur
Besinnungslosigkeit (und darüber hinaus!) betrunkene Männer und
Frauen säumten die Straßenränder. Um die Kneipen herum, fielen Betrunkene übereinander und umeinander
aus den Türen. Und eher früher als später ergaben sich us den nichtigsten Anlässen heraus irgendwo in den Slums regelmäßig wilde Straßenschlachten, bei denen neben Ziegeln, Pflastersteinen und
Bauhölzern auch schon mal Metzgerbeile, Hämmer, Spitzhacken, Spaten und
Schaufeln zum Einsatz kamen. Übrigens fasste
ein Ginglas der Viktorianer ungefähr dieselbe Mengen an Flüssigkeit wie eine
heute gebräuchliche Coca-Cola-Dose. Mit anderen Worten ungefähr das Vierfache
eines heutigen Doppelten Schnapses. Man
darf vermuten, dass die chronisch unterernährte Arbeitermassen in den
Slumvierteln daher nicht viele dieser Gingläser brauchte, um sich temporär in
Besinnungslosigkeit oder rein wortwörtlich „um den Verstand“ zu saufen.
Als man das
Arbeitsfähige Alter von Kindern 1833 gesetzlich auf mindestens 9 Jahre festlegte wurde das als große
Errungenschaft moderner liberaler und humanitärer Ideen gefeiert.
Im krassen Gegensatz zu den Verhältnissen und Ritualen der Bewohner der Slumviertel standen die typischen Vergnügungen der Mittel- und Oberklassen.
Diese Glücklichen tummelten sich in hell beleuchteten Theatern, Music-Halls und Salons, wo man Geschäfte anbahnte, Konversation pflegte, die neuesten Kunstwerke bewunderte, oder – total beliebt auch damals – gemeinsam die Klatschspalten der vielen verschiedenen Magazine, Tages – und Wochenzeitungen durchhechelte.
In Abwesenheit
von Radio, Kino und TV boten Zeitungen und Romane die gebräuchlichste Form der
Abwechslung. Beliebt war, was man heute
als Romantic-ChickLit bezeichnen würde, wobei Sex selbstverständlich stets nur
angedeutet wurde.
Als der erste wirkliche (und immer noch brillante) Horrorroman „Jekyll & Hyde“ erschien, zum Bestseller wurde und kurz darauf auch im Westend als Theaterstück aufgeführt wurde, pflegten während den Vorstellungen so viele junge Damen in Ohnmacht zu fallen, dass man dies zum Anlass nahm den Zeitungen ausdrücklich vor dieser Nebenwirkungen zu warnen und künftige Theatergänger anwies, doch keinesfalls das Riechsalz zu hause zu lassen. (Riechsalzproduzenten müssen Robert Louis Stevenson, den Autor von „Jekyll & Hyde“ damals heftig in ihre Herzen geschlossen haben, nehme ich an).
Doch das wahre Top-Entertainment welches alle viktorianischen Klassen und Schichten zusammenbrachte waren die Kriminalprozesse im Old Bailey.
Als der erste wirkliche (und immer noch brillante) Horrorroman „Jekyll & Hyde“ erschien, zum Bestseller wurde und kurz darauf auch im Westend als Theaterstück aufgeführt wurde, pflegten während den Vorstellungen so viele junge Damen in Ohnmacht zu fallen, dass man dies zum Anlass nahm den Zeitungen ausdrücklich vor dieser Nebenwirkungen zu warnen und künftige Theatergänger anwies, doch keinesfalls das Riechsalz zu hause zu lassen. (Riechsalzproduzenten müssen Robert Louis Stevenson, den Autor von „Jekyll & Hyde“ damals heftig in ihre Herzen geschlossen haben, nehme ich an).
Doch das wahre Top-Entertainment welches alle viktorianischen Klassen und Schichten zusammenbrachte waren die Kriminalprozesse im Old Bailey.
Noch in seinem
1945/ 46 verfasstem Essay „The Decline of the English Murder – der Niedergang
des Mordes in England“ träumt sich kein anderer als George Orwell (1984)
ironisch ins Viktorianische Zeitalter und dessen Faszination mit einem guten
unterhaltsamen Mordprozess zurück. Und Charles Dickens Leserzuschrift an die
Times über die Ausgelassenheit und freudige Erwartung der Zuschauermassen
während der öffentlichen Hinrichtung der Mörderin Marie Manning und ihres Ehemannes
und Komplizen, liest sich für uns heute, trotz Dickens moralischer Entrüstung, eher wie die Anfangsszene einer Horrorstory. (Wobei
man allerdings erwähnen sollte, dass selbst der abgebrühteste Viktorianer entsetzt
wäre über die in irgendeinem harmlosen Vorabendfernsehkrimi gezeigte Gewalt.)
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Zuschauer während Marie Mannings Hinrichtung, deren Ausgelassenheit und Blutdurst den berühmten Autor Charles Dickens zu einem Leserbrief an die Times anregt... |
Dickens nicht
weniger berühmter Kollege Orwell war es auch, der die original Sherlock Holmes
als „good bad books – gute schlechte Bücher“ bezeichnete, also als Storys und
Romane einordnete, die gerade obwohl sie im rein literarischen Sinne keine
Meisterwerke darstellen, dennoch so gut und unterhaltsam gestaltet waren, dass
man sie immer und immer wieder mit Vergnügen lesen kann.
Mister Eric Arthur Blair (aka George Orwell) bedauerte im selben Atemzug auch, dass in seinem
20. Jahrhundert solche „good bad books“ offensichtlich nicht mehr verfasst
worden. (Man darf sich fragen, zu welcher Meinung Mister Blair über das
Twilight Phänomen oder gar – OMG! – E. L. James Pornobestsellern gelangt
wäre. Obwohl er andererseits – als
Public School Boy – sicherlich Gefallen an Harry Potter gefunden hätte. Und auch
Old Mister Charles Dickens, immerhin Verfasser von „David Copperfield“ und
„Great Expectations“, hätte zweifellos einiges seiner eigenen Werke in Hogwarts
und dessen berühmtesten Zauberlehrling wieder gefunden.)
Überraschend für
all die Millionen von Lesefans in den Weiten des Interwebs könnte allerdings
sein, dass der (neben Sherlock, Watson und Jack dem Ripper) heute berühmteste
Viktorianer Graf Dracula, seinen eigentlichen Siegeszug in die Herzen des
Publikums erst kurz nach dem Ende der klassischen Viktorianischen Ära antrat.
So richtig berühmt und beliebt wurde er nämlich nicht vor der Wende zum 20.
Jahrhundert. Und ins Bewusstsein eines regelrechten Millionenpublikums schlich
er sich nur durch die tatkräftige Nachhilfe des gebürtigen Ungarn Bela Lugosi,
der ihn in den 1930er Jahren in zahlreichen Hollywoodstreifen verkörperte.
Bei allen
Widersprüchen und Absonderheiten, die die Viktorianische Ära für uns heute beinhaltet,
existieren doch auch einige erstaunliche Parallelen zwischen Sherlocks
Zeitalter und dem unseren. Da verfasste ein besorgter Uniprofessor 1892 zum Beispiel
ein 230 Druckseiten langes Pamphlet, in dem er vor den unerhörten Gefahren des Telefons für leicht zu beeinflussende junge Damen warnte, die mit Hilfe dieser neuesten Erfindung unkontrolliert von ihren Eltern
in direkten Kontakt mit jungen Männern
treten konnten. Höchst gefährlich – fürwahr!
Erinnert das
nicht ein wenig an die aktuell gerade tobende Debatte über die vermeintlich
unübersehbaren Gefahren von Internetporn für Teenager? Und was ist mit dem
Frauenwahlrecht, das die Gemüter der Viktorianer heftig erregte? Hat deren
Aufregung darüber, nicht zumindest eine ungefähre Ähnlichkeit mit dem
erbitterten Streit über Abtreibung, der gerade wieder einmal in den USA
stattfindet?
Und, da wir ihn
hier schon einige Male als Zeugen heranzogen, wie steht’s mit Charles Dickens
jahrelangem Kampf um das weltweite
Copyright, den er vor allem in den USA führte, weil man dort seine (und nicht
nur seine!) Bücher frisch fromm fröhlich frei in Millionenfacher Auflage als
Raubdrucke verkaufte, von deren Verkaufserlösen der Verfasser natürlich keinen
Cent sah! Fühlt sich da noch wer an den Urheberrechtsstreit von 2012 und die
Internetaktionen gegen den US- Gesetzesentwurf SOPA erinnert? Und was ist mit dem
Phänomen des Binge Trinkens, das sogar in den Parlamenten diskutiert wurde? Soll
es so gar keine Gemeinsamkeit mit den bevorzugten Vergnügungen der
viktorianischen Arbeiterklasse aufweisen?
Viele kluge - und jede Menge weniger kluge – Kollegen
von Herrn Gray haben bereits literweise Tinte über die Frage verbraucht, was
Sherlock Holmes und seinen Sidekick Watson so nachhaltig beliebt beim Lesepublikum
macht. Ich für meinen Teil bin sicher dass es nicht nur eine gewisse Nostalgie,
die meisterhaft gehandhabten Plots und Rätsel der Geschichten und Romane und
Arthur Conan Doyles knapper Schreibstil sind, die den Meisterdetektiv zu seiner
nachhaltigen Beliebtheit bis ins 21. Jahrhundert hinein verhalfen, sondern auch
all die unterschwelligen Ähnlichkeiten mit seinem Zeitalter und dem unseren.
Es existieren
allerdings auch einige ebenso überraschende Unterschiede zwischen den beiden
Zeitaltern. So war die Mordrate der Viktorianischen Ära wohl etwas geringer, als heute. Ein Umstand,
den Sherlock und den Doktor sicherlich
mit Genugtuung zur Kenntnis genommen hätten…
Wer noch ein wenig tiefer in die erstaunliche Welt der Viktorianer eintauchen mag, dem sei der erste Band meiner kleinen Sherlock Holmes Trilogie empfohlen:
Das E-Book gibts hier: Sherlock Band Eins
Das Taschenbuch dazu hier: Sherlock Band Eins Taschenbuch
Wer noch ein wenig tiefer in die erstaunliche Welt der Viktorianer eintauchen mag, dem sei der erste Band meiner kleinen Sherlock Holmes Trilogie empfohlen:
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